New storytelling oder New dataspelling?
Gestern fand in Hamburg das erste scoopcamp statt. Es sollte um nichts Geringeres gehen, als um die Zukunft des Journalismus. Welche neuen Möglichkeiten der Informationsvermittlung eröffnen die Neuen Medien, wie kann kreativ und effektiv mit der Einbindung von Usern umgegangen werden, wie kann vor allem der Lokaljournalismus Ideen entwickeln, seine Leser mit Erzählformen, die Spaß machen und involvieren, bei der Stange zu halten und seine Kernkompetenzen besser nutzen. Laut Programm sollte es sogar darum gehen, Projekte zu initialisieren: Die Überschrift des Tages: “new storytelling”.
Die perfekte Vorlage zur Diskussion legte in meinen Augen bereits der erste Redner Adrian Holovaty vor. Ich möchte in meinem ersten Teil der Review gern über sein Konzept vom Journalismus schreiben, das es mich von allen Themen an diesem Tag am meisten zum Nachdenken gebracht hat und auch dazu, dass mir jetzt Ideen im Kopf herumschwirren, die in mir abermals den Wunsch nähren, noch programmieren zu lernen.
Adrian Holovaty stellt eine aus seiner Sicht spezielle Form des Journalismus, ich würde sagen eine Alternative zum Journalismus vor. Er ist der Macher der Seite Everyblock.com, die es für 15 amerikanische Städte gibt. Sein Konzept der Nachrichtenvermittlung basiert auf dem Sammeln und Aufbereiten von Daten, die dann lokalisierbar zur Verfügung gestellt werden. Die Idee dahinter: Es gibt einen unermesslichen Schatz an Daten im Netz: in Datenbanken, versteckt hinter Onlineformularen, in Blogs, auf Nachrichtensites. Für Everyblock werden all diese Daten aus den verschiedensten Quellen gescannt und größtenteils automatisiert so aufbereitet, dass ich mir Nachrichten bzw. Informationen über meine unmittelbare Nachbarschaft abrufen kann.
So bekomme ich Antworten auf Fragen, die wahrscheinlich kein Schwein interessieren, der auch nur 10 km weiter entfernt wohnt, die mir aber unter den Nägeln brennen und mitunter stark emotionalisierend sein können. Auf everyblock kann ich mich darüber erschrecken, dass das Restaurant, in das ich letzte Woche noch meine neueste Flamme ausgeführt habe heute wegen Kakalaken in der Suppe geschlossen wurde, mich darüber informieren welche Straßenecke ich wegen häufig vorkommender Taschendiebe vielleicht in Zukunft lieber meide oder mich freuen, dass ein paar Straßen weiter mal wieder ein neuer Frisör eröffnet, wo ich vielleicht ein Glas Begrüßungssekt und eine Dauerwelle zum halben Preis abgreifen kann.
Was das 6-köpfige Team um Adrian Holovaty hier macht, um die Menschen mit den Nachrichten zu versorgen, die sie interessieren, ist das reine Sammeln und Sortieren von Daten. Das Ergebnis ist eine Website die Relevanz für jeden in den bisher 15 auf everyblock verfügbaren Städten lebenden Bürger hat, aber ist das Ergebnis auch Journalismus?
Auf seiner Homepage schreibt Holovaty:
The problem here is that, for many types of news and information, newspaper stories don’t cut it anymore.
So much of what local journalists collect day-to-day is structured information: the type of information that can be sliced-and-diced, in an automated fashion, by computers. Yet the information gets distilled into a big blob of text — a newspaper story — that has no chance of being repurposed.
Holovaty bietet also die Alternative zu diesem Blob-Journalismus, der nichts weiter macht als ein paar Informationen aneinanderzureihen. Den Journalismus via Computerprogrammierung.
Aber ist das “storytelling”? Die Seite everyblock bietet wohl die neutralste Form der Nachrichtenaufbereitung, die man sich vorstellen kann. Hier gibt es nichts zu deuten, nichts zu hinterfragen, Computer haben keien Meinung, Computer rechnen. Zum Erzählen von Geschichten aber braucht es Menschen, die mehr tun als sortieren und prüfen. Menschen die interpretieren, die Zusammenhänge herstellen, Fragen stellen, auf die ein Computer nicht kommt. Darin ist der Journalismus gefordert: Mehr zu sagen als BLOB.
Die wichtigste Message für mich, sowohl in dem Vortrag von Holovaty, wie auch an diesem Tag aber war, dass Journalisten und Programmierer enger zusammenrücken sollten, um Konzepte zur innovativen Aufbereitung von Informationen zu entwickeln. So lautete auch die Kritik an diesem Scoopcamp, dass die Computerfreaks nur rar vertreten waren. Die hatten sich für den Hackathon am Folgetag angemeldet. Der Tipp für ein mögliches nächstes Scoopcamp könnte also heißen, dass die Spezialisten in konzeptionellen und inhaltlichen Fragen und diejenigen, die ihre Ideen von der technischen Seite einbringen, von Beginn an, besonders in den Workshops, aufeinander losgelassen werden sollten.
Mein Fazit zum scoopcamp insgesamt: Die Kombination von Vorträgen und Workshops war ideal, um viele Inspirationen mitzunehmen. Danke an die Organisatoren des scoopcamps Hamburg@Work die dpa und die Agentur Faktor 3, die es geschafft haben alles bereitszustellen, was für einen lockeren Austausch und eine offene Atmosphäre nötig war. Die Teilnehmer waren engagiert und kreativ, die Versorgung war spitze und sogar das mit dem Wetter habt ihr super hinbekommen. Die weite Reise in den Norden hat sich also gelohnt. Vielen dank auch an Dirk Beckmann und Mathias Kretschmer, an deren Workshop Sills first! ich teilnehmen durfte und der wie ich finde gute Ergebnisse hervorgebracht hat statt fruchtloser Plaudereien, wie ich aufgrund meiner zugegeben einzigen Barcamp-Erfahrung im Voraus befürchtetet hatte.
In einem zweiten Teil der Review werde ich (sobald ich die Zeit finde) vom Ergebnis des Workshops Skills first! berichten.

One Comment
Danke, für die Zusammenfassung! Bin gespannt auf die Fortsetzung und einen weiteren Blickwinkel. Denn das ergänzt bestimmt diesen Bericht: http://bit.ly/39MqAx