Lesen versus Scannen – Wie das Internet unsere Fähigkeiten verändert

Maryanne Wolf: Wir müssen unserem Gehirn wieder das Lesen beibringen

Lest Bücher!! Bildquelle: flickr - austinevan

Lest Bücher!! Bildquelle: flickr - austinevan

Lesen ist nicht gleich Lesen. Und deshalb haben wir jetzt ein Problem. Wir müssen zwei Mal lesen lernen.
Wer sich gewohnheitsmäßig voll digitalisiert täglich durch Informationen im Internet wühlt, wer vielleicht sogar mit diesem Informationsmedium groß geworden ist, und sich Digital Native nennen darf, ja, der könnte vielleicht keine Freude mehr haben an Thomas Manns Buddenbrooks oder an Hermann Hesses Glasperlenspiel. Die Lektüre Letzerens war Versuchsobjekt für Maryanne Wolf, die sich aus neurowissenschaftlicher Sicht mit dem Lesens auseinandersetzt. Beim Lesen des Buches stellte sie fest, dass sie den Text ohne Fantasie las, wie eine Maschine.

In der Tat haben wir, mit wir meine ich die Vielsurfer, uns eine neue Art des Lesens angewöhnt. Ein Lesen, das darauf ausgerichtet ist, Wissen zu sammeln, nicht es sich wirklich anzueigenen.

Wir Scannen unsere RSS-Feeds im Google Reader durch, öffnen währenddessen 20 Tabs in unserem Browser, durch die wir uns auch noch durchscannen möchten, ein Blick gilt der Überschrift, und weiter im Text, überspringen, scannen, taggen, beurteilen; ist ein Artikel allzu lang aber klingt doch eigentlich ganz interessant, wird er erstmal gespeichert und vertaggt in delicious oder stubleupon, um ihn später zu lesen … wenn mehr Zeit ist, wozu dann aber doch selten Zeit ist; vielleicht übertragen wir den Artikel auch noch fix in eine 140-Zeichen-Nachricht für Twitter und weiter mit dem nächsten Tab. Wir verhalten uns eben ein bisschen so, wie der Computer vor dem wir sitzen, wie eine Maschine.

Scannen, sammeln, prüfen, einordnen, speichern. „Powerbrowsen“ nennen das Wissenschaftler des University College London, die in Tests feststellten, wie User Websites überfliegen, statt die Inhalte gründlich zu lesen (Handelsblatt, 19.11.2009)

Dieses Lesen steht dem Lesen von Büchern, von Geschichten diametral gegenüber. Und es nimmt immer mehr Raum ein im Leben der Heavy User im Internet und auch der Digital Natives. Maryanne Wolf sieht darin eine Gefahr:

Ich befürchte, dass unsere digital sozialisierten Kinder nie die intellektuelle Spannung kennenlernen werden, die darin liegt, immer weiter über die Bedeutung des Autors hinauszugehen und eine eigene Welt der Vorstellung und Erleuchtung aufzubauen

Denn die Fähigkeit zum Geschichten Lesen ist unserem Gehirn nicht etwa gottgegeben, wie die Fähigkeit zum Sprechen, sondern erlernt. Und wer nur noch wie eine Maschine, Informationen am laufenden Band konsumiert, der trainiert sein Gehirn nicht darauf, in ein „Deep Reading“ vorzudringen.

Die Technologien, die in den letzten Jahren auf dem Vormarsch sind verstärken diese Form des Lesens im Internet immer mehr. Vor allem RSS-Feeds sind hier sicher ein Motor. Aber auch die ständige Verfügbarkeit von Informationen auf mobilen Endgeräten. Das Bedürfnis, nichts zu verpassen wird verstärkt.

Über die Auswirkungen des Informationen-Konsums im Internet berichten derzeit viele.
Die Zeit zum Beispiel schreibt, Professoren beklagten sich heute schon, dass ihre Studenten nicht mehr in der Lage seien, komplexe Texte zu lesen. Da heißt es:

Zu denen, die nicht lesen können, es aber wollen, sind jene gekommen, die lesen können, aber nicht mehr wollen. Laut Stiftung Lesen liest ein Viertel aller erwachsenen Deutschen überhaupt keine Bücher mehr. Im digitalen Zeitalter halten ganze Berufssparten das Lesen von Literatur für Zeitverschwendung.

Und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat gleich ein ganzes Buch geschrieben über diese Diaspora unserer Lesekultur: In „Payback“ lässt er sich darüber aus, dass Computer daran Schuld seien, dass unsere Aufmerksamkeit immer schlechter werde. Im Interview mit der Bildzeitung beschreibt Schirrmacher zum Beispiel, welche negativen Auswirkungen er durch die Internetnutzung auf die Fähigkeit zum Multitasking sehe:

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass jede kleine Störung dazu führt, dass wir 25 Minuten brauchen, um uns wieder auf das ursprüngliche Thema zu konzentrieren. Und wir werden ständig durch Mails, SMS, Nachrichten gestört. Das ist tatsächlich so etwas wie Körperverletzung. Das führt zu einer Vermanschung des Hirns. Und man kann Multitasking nicht lernen.

Aber da ist auch noch die andere Seite, die so gar nicht nach Vermanschung klingt, was das Handelsblatt berichtet. Denn es gibt auch Studien, die belegen, dass zum Beispiel Computerspiele das Multitasking und auch die visuelle Aufmerksamkeit fördern. In einer anderen Studie heißt es im Ergebnis: Vielsurfer, die oft im Internet recherchieren, würden besser planen und könnten auch Informationen erfolgreicher verarbeiteten als Gelegenheitsnutzer.

Bei all den Diskussionen über die Verursachung von Aufmerksamkeitsschwächen muss ich unweigerlich an den alten Tagesschau-Test denken, bei dem Probanden nach dem Ansehen des 15-Minütigen Nachrichtenüberblicks der ARD sinngemäß gefragt wurden: „Was haben Sie sich alles gemerkt?“. Machen sie diesen Test einmal mit einem Google Reader-Nutzer nach seinem 15-minütigen Streifzug durch seine Feeds. Er hat wahrscheinlich ein paar Überschriften getwittert, aber kann er auch die Kernthesen eines Artikels wiedergeben?
Aber errinnert uns das nicht auch daran, dass die Kritik, ein Medium würde Aufmerksamkeitsschwächen hervorrufen und die Fantasie abtöten nicht ganz neu ist. Wir kennen das bereits. Und zwar vom Fernsehen, mit dem wir uns zu Tode amüsieren.
Wenn Medien so sehr in unsere Lebenswelt vordringen, dann bleibt es nun einmal nicht aus, dass sie uns auch beeinflussen und verändern. Und da wo wir es für nötig erachten, weil die negativen Konsequenzen uns behindern, sollten wir entgegenwirken.

Maryanne Wolf macht das so:

Ich zwinge mich jeden Tag, ein Buch oder ein Gedicht langsam, dankbar und konzentriert zu lesen. Jeden Tag, jeden Abend, bevor ich schlafen gehe. Wir sollten unser tiefes, vielfältiges, unabschließbares inneres Leseleben nie aufgeben. Sicherlich nicht, bevor wir mindestens achtzig Jahre alt sind.

Wer also die Tür zur Fantasie-Welt der Bücher in seinem Gerhirn nicht zuschlagen möchte, der sollte sich lieber angewöhnen nicht das iPhone mit ins Bett zu nehmen, sonder lieber wieder zum Buch greifen.

Wenn das nicht passiert, dann sollten wir uns vielleicht überlegen, ob wir uns nicht umsonst Gedanken über neue Finanzierungsmodelle im Verlagswesen machen, wo doch der Killer von Zeitschrift und Buch womöglich in unseren Gehirnen und nicht in unserem Geiz schlummert.

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